Der fröhliche Anarchist: Joe Sachse

 

Incredible!”

Er ist ein Unikum, und sein 78-Minuten-Album "Riff" [jazzwerkstatt 003] ist es auch, 22 Stücke lang, ein Album für Gitarren (im Overdub-Plural), Schraubenzieher (als Slide), Plastiktüten (als Hi-Hat) und den Gitarrenkoffer als Bassdrum.

 

Helmut "Joe" Sachse ist tatsächlich das, was sein Nachname verrät, und zwar aus Mittweida und ein Absolvent der Weimarer Musikhochschule "Franz List", dessen Name in der ehemaligen DDR zunächst vor allem mit der Gruppe Osiris assoziiert war, die er Mitte der siebziger Jahre gegründet hatte. Schon damals fiel der Jimi-Hendrix-Fan Joe auf durch weit mehr als einen bloß eklektischen Stil, nämlich seine spektakulären Assimilationen von Rock, Jazz und frei improvisierter Musik, die gar nicht anders konnten als zu "Doppelmoppel" zu führen, jener noch heute praktizierenden, höchst exotischen Quartettbesetzung mit zwei Gitarren – die zweite spielt(e) Uwe Kropinski (s. a. hier) – und zwei Posaunen, gespielt von den Brüdern Johannes (“Hannes”, nicht zu verwechseln mit dem Bluesgitarristen und Sänger H.B.) und Konrad ("Conny") Bauer. "Doppelmoppel" war als Freejazz-Truppe die modernste der DDR. Dass Joe später unter anderem mit Peter Brötzmann gespielt hat, ist also nicht verwunderlich.

 

Ganz wie Kropinski und doch ganz anders hat auch Joe eine Technik entwickelt, angesichts derer sich Gitarristen "alter Schule" vermutlich reihenweise die Haare sträuben dürften. Während der eine, Uwe, seine akustische Gitarre mit dem ungewöhnlich viele Bünde tragenden und bis zum Steg reichenden Hals durch eigenwillige Fingerstyle-, Slapping- und diverse andere subtile Techniken inklusive der Verfremdung des Instruments als genial bearbeitetes PercussionWunder zur Mini-Bigband macht, bearbeitet Joe Sachse vorzugsweise seine Solidbody-Electrics mit nicht weniger haarsträubenden Spielweisen, und das nicht nur mit Fingern und/oder Plektren.

 

Tja, und nun also "Riff", ein Album, mit dem man auf einen Schlag sozusagen "den ganzen" Joe Sachse bekommt, ein mal lyrisch zirpendes, mal irrwitziges Panoptikum von Sounds, Rhythmen, Musik und Geräusch als so gnadenlose wie humorvolle Attacke auf herkömmliche Hör- und Spielgewohnheiten. Für Coltranes "After the Rain" surrt da offenbar Gizmo vor sich hin, in "Allen Knechtschaffenden" (!) huldigt er Les Paul abzüglich Mary Ford, Stück Nr. 4 zeigt Sachses andere musikalische Seite: die des Jazz-Intimus mit originellen Changes und ausgefeilter gitarristischer Expertise. Ein Gruß Richtung Bachs Wohltemperiertes Klavier paraphrasiert bei beibehaltener Bassstimme kräftig das Original. Dann gibt's noch einen Trane mit anfangs offenbar über Mike gespielter, provokant fipsig klingender Solidbody. Egal: Erlaubt scheint, was Spaß macht. Nur, wenn da gedruckt steht, nämliches Stück sei ohne Overdubs gespielt, dann ist der Spaß verdorben: Es stimmt einfach nicht. Als Flötist, sehr Lateef-sinnig, überbläst Joe Silvers "Preacher", bevor die Gitarre sich dazu stiehlt. Stück 12 bietet das gute, alte "Der Mond ist aufgegangen" inklusive Overdubs und Wah-wah-Bass als äußerst suggestive Renovierungsarbeit.

 

Kurz: Man stolpert ständig von einem fröhlichen Schock in den nächsten. Und findet bestätigt, dass - ganz grundsätzlich - Sachse und Kropinski sehr wohl von verwandten Vorstellungen ausgehen: Beide lassen alles provisorisch und vor allem durch und durch musikantisch wirken, obwohl in beider Musik meilenweit mehr Tiefe steckt. Mit "musikantisch" ist das gemeint, was in einem meiner Interviews John McLaughlin zu meiner Frage bezüglich Al Di Meola meinte: "He is not a musician", kein Musikant. Gemeint war das Musikantische, das beispielsweise in Brasilien sechsjährige Knäblein an der Häuserecke auf einer Streichholzschachtel Bossa Nova spielen lässt.

 

Aber keine Frage: Joe Sachse ist gewiss der radikalere der beiden, der politischere, subversivere, anarchischere und bauchigere, wogegen Uwe Kropinski derjenige ist, der seine Technik und seine Musik als Beweis dafür anzuführen scheint, dass Not erfinderisch machen kann - notabene eine für sich selbst erzwungene Not. "Riff" also als anti-perfektionistisches Kontrastprogramm, ein Kontrastprogramm wohlgemerkt, das für gitarristische Sensibelchen nicht unbedingt geeignet ist. Just das macht Joe Sachses Album zum großen, hinterhältigen Vergnügen.

 

Wie meinte John Scofield, als er Joe gehört hatte? "Incredible!"

 

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