Der “rote Faden” ist die Jazzgitarre: Interview mit Helmut Nieberle

 

"Geübt, geübt, geübt"

Unter der Ägide von Gabriele Marchl, der Nachfolgerin des verstorbenen Bobtale-Chefs Bob Rückerl, gingen im November 2010 Helmut Nieberle und sein amerikanischer Sevenstring-Kollege Howard Alden erstmals gemeinsam eine Woche lang in ein Studio in Abendsberg unweit von Regensburg, nachdem sie erst zweimal miteinander gespielt hatten. Die CD "Jazz Guitar Stories", die in Kürze veröffentlich werden wird, war der äußerst willkommene Anlass für ein Interview mit dem – von agas bisher sträflich vernachlässigten – Wahl- Regensburger Helmut Nieberle. Der konnte sich der großen Sympathie des Interviewers sicher sein: In den neunziger Jahren hat dieser humorvolle, freundliche und überaus sympathische Allgäuer ein Benefiz-Konzert für den schwerkranken, 2004 gestorbenen Barney Kessel initiiert, an dem neben Helmut Kagerer, seinem langjährigen Duo-Partner Gesinnungsgenossen in der Wertschätzung für Barney wie auch für Attila Zoller, auch Letzterer (gest. 1998) teilnahm. Dass dieses Gespräch nicht alle Facetten des reichen Berufslebens dieses Gitarristen abdecken konnte, liegt in der Natur der Sache. Wer mehr erfahren will über den den Lehrer, den Leader, den Sideman, über seine Platten und alle seine Aktivitäten ist bestens beraten mit einem Klick auf Helmuts Homepage http://www.helmutnieberle.de/.

 

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agas: Es gibt in deiner Homepage ja sehr viel und sehr detailliertes Material. Nicht sonderlich detailliert allerdings ist deine Bio, die ich hier gern etwas aufgefüllt hätte: Wann und wo bist du geboren, dein musikalischer Background, deine erste Berührung mit Musik, die erste Berührung mit der Gitarre…                  

H.N.: Meine Eltern waren nicht sonderlich musikalisch, aber meine Oma hat Zither gespielt. Und die Gitarre hatte mich optisch interessiert. Geboren bin ich 1956 in Kaufbeuren, im Allgäu, und da bin ich auch aufgewachsen. Und in Kaufbeuren gab es ein Musikgeschäft, in dem man zum Beispiel Martin Lauer, den Leichtathleten, mit einer Gitarre sehen konnte, die er gar nicht spielen konnte… Angefangen mit der Gitarre habe ich, als ich zwölf war, als Autodidakt, erste Griffe, "House of the Rising Sun", das mein allererstes Lied war. Und Autodidakt bin ich auch geblieben, habe aber jede Menge Workshops besucht.

agas: Wir sollten doch mal kurz die Stationen anleuchten, die du ja auch in deiner Homepage nennst. Demnach hast du 1973 Django Reinhardt gehört und bist kurz danach zu deiner ersten Jazzgitarre gekommen und hast "geübt, geübt, geübt", wie du dort sagst. Was war das, was du geübt hast?

H.N.: Vor 1973 waren das Crosby, Stills, Nash and Young, Kris Kristofferson und solche Leute. Und ich war in einer Schülerband, in der wir dreistimmig gesungen haben und mit der wir 1973 unseren allerersten Auftritt hatten – im Mädchengymnasium von Kaufbeuren. Und 1977, als ich schon in München lebte, war Barney Kessel zum ersten Mal in München, in einem unbekannten Klub, der heute nicht mehr existiert, und da spielte er nur solo. Und dann kam seine CD "Soaring" heraus.

agas: Zu dieser Zeit musst du also schon mit Helmut Kagerer zusammengespielt haben.

H.N.: Etwas später. Ich war seit 1980 in Regensburg, und kennen gelernt haben wir uns so um 1985. Wir haben damals erst kurze Zeit miteinander gespielt und Barney-Kessel-Stücke auf Kassettenrecorder eingespielt und ihm die Aufnahmen geschickt. Und 1987 trafen wir Barney dann in den "Great Guitars", und wir sind zu ihm hingegangen und haben uns vorgestellt und gesagt, wir war'n das mit der Kassette, und Barney hatte nichts Besseres zu sagen als: "Ach, ihr wart das?! Aber warum spielt ihr nicht eure eigenen Sachen?"

agas: Das hat sich dann ja auch geändert. Und dann tauchen in deiner Bio die Namen von Attila Zoller, Joe Pass, Peter Leitch, Jim Hall und Karl Ratzer auf. Die "und sonst wen", wie es in deiner Homepage heißt, hast du damals erlebt. Waren das Workshops oder privater Unterricht oder was? Und mich interessiert schon sehr, mal was aus erster Hand über Ratzer zu erfahren…

H.N.: Ratzer – das war Anfang der Neunziger. Da trank er Mate-Tee und gab einen Workshop in Klagenfurt, auf dem ich übrigens Jörg Seidel kennen gelernt habe. Und nachdem er gemerkt hatte, dass ich spielen konnte, hat er mir gleich die Hälfte der Workshopteilnehmer anvertraut und gemeint: "Heerst, Nieberle, jetzt machst mit denen a bissl Bossa Nova, und ich mach derweil T'ai Ch'i." Übrigens gibt es eine wunderbare Aufnahme auf YouTube, in der Jörg mit unseren Cordes Sauvages und zwei anderen Sängern "Dinah" singt [http://www.youtube.com/watch?v=hTo9ceGbMXY]…

agas: Bist du eigentlich auch so ein Zoller-Fan wie Helmut Kagerer?

H.N.: Auf jeden Fall, ja. Attila hatte das Duo [mit Kagerer] Anfang der neunziger Jahre auch eingeladen in die USA… Und die Workshops haben viel gebracht. Man erlebt die Aura dieser Leute; man erlebt diese Leute hautnah, und man konnte ein Stück eigener Wahl zusammen mit den jeweiligen Workshop-Gastgebern spielen…

agas: Um '79 herum hast du Sologitarre in der legendären Rabo Swing Machine gespielt. Was war das?

H.N.: Die war in Regensburg, eine Gruppe um den Pianisten Richard Wiedamann, der am 6. Januar 2011 verstorben ist und bis dahin der Chef des Jazzinstituts hier in Regensburg war. Der hatte damals eine Swing-Crew, ganz old-fashioned, und einen eigenen Jazzclub im Stil der vierziger Jahre. Und man durfte da einsteigen, und ich machte das auch, und dann war er so begeistert, dass er mir an der Städtischen Musikschule einen Job beschafft hat, so dass ich wie gesagt 1980 nach fünf Jahren in München umgesiedelt bin nach Regensburg.

agas: 1980 hast du einen Berklee Correspondence Course belegt –

H.N.: - das waren zwanzig sehr ergiebige Lektion, ja –

agas: - und hast seit 1995 "immer mal wieder" Unterricht in Arrangement und Komposition bei einem "Kapellmeister Hans Huber" gehabt. Wer ist das denn?

H.N.: Der Hans Huber ist jetzt 84, spielt Klavier und hat absolutes Gehör, ist ein enormer Klassik-Kenner, quer durch, und hat eine riesige Notenbibliothek zu Hause. Der Hans Huber hat mir Arrangieren beigebracht, aber nicht Blocksatz und so was, sondern Kontrapunkt. Ich musste damals für ihn zwei- und dreistimmige Inventionen schreiben. Polyphonie. Er hatte früher eine private Musikschule und hatte sogar eine Big Band begleitet und in den sechziger Jahren Orchestermusik für eine Eisrevue komponiert. Die Bärenmarke-Musik ist auch von ihm…

agas: Und 1987 kommt dann die Sevenstring durch George Van Eps und Bucky Pizzarelli. Und die Begegnung mit Helmut Kagerer. Wie war das plötzlich mit der Siebensaitigen?

H.N.: Ich hab' lange gebraucht für die Umstellung und vor allem dafür, mich auf den "alten" sechs Saiten der Siebensaitigen wohl zu fühlen und mich zurechtzufinden. Und kurz danach waren Helmut und ich ein festes Duo.

 

Neuer Auftrag: Shakespeare vertonen

 

agas: Wie hattet ihr euch denn überhaupt kennen gelernt?

H.N.: Helmut Kagerer hatte mich – das muss wie gesagt ungefähr 1985 gewesen sein -  in einem eigenen Modern-Jazz-Konzert gehört, in dem ich auch "Giant Steps" gespielt hatte; und er saß im Publikum. Und dann erkannten wir natürlich sehr schnell unsere gemeinsame Liebe für Barney Kessel. In unserer ersten Zeit ging es eigentlich nur um das gemeinsame Herausfinden von Dingen, von Griffen und so weiter; Geld und Gigs interessierten uns zu der Zeit überhaupt noch nicht. Und 1991 kam dan "Takes Two to Tussle" und 1992 "Wes Train" heraus, die ersten von fünf CDs insgesamt.

agas: Und 1991 gab's für das Duo den Bayerischen Förderpreis für Jazz -

H.N.: - das Preisgeld, das waren 10.00 Mark, haben wir dann gleich in die nächste Platte gesteckt…

agas: Die Neunziger – nenn' uns ein paar Schwerpunkte dieser Zeit.

H.N.: Die wichtigste Besetzung in diesen Jahren war gewiss das Sextett mit Jim Mullen, das möglich geworden war durch Bob Rückerl von Bobtale Records, der vor knapp zwei Jahren gestorben ist. Der hörte Jim und lud ihn zu einer gemeinsamen Tour ein. Das war vor gut zehn Jahren, und seitdem sind wir sehr gute Freunde geworden und touren in jedem November.

agas: Und die Cordes Sauvages – seit wann gibt es die eigentlich?

H.N.: Die gibt es seit 1983, und in dem Jahr auch kaum gleich die erste LP der Gruppe heraus. Inzwischen sind noch vier CDs dazu gekommen, damals noch mit einem Geiger der Bamberger Symphoniker, der dann in den Ruhestand ging. Für ihn kam dann der Klarinettist Stefan Holstein, und die Musik änderte sich entsprechend – unser Django klingt beboppiger als früher.

agas: Und du hast ja auch gemeinsam mit Solisten der Berliner Philharmoniker gespielt, und dazu wurden von Otto Sander und Monika Hansen Texte von Götz Teutsch gelesen. Wie war das denn? War das deine erste Arbeit dieser Art? Die Zusammenarbeit ist in deinen Seiten noch bis 2007 dokumentiert. Gibt es die heute noch, abgesehen von deiner Zusammenarbeit mit dem Quintett "Bolero", das ja auch mit Philharmonikern besetzt ist?

H.N.: Mit diesem "Philharmonischen Salon" fing für mich die Begegnung mit den Philharmonikern an. Götz Teutsch stellte dafür seine eigenen Texte zusammen, und ich darf da fast jedes Jahr mitspielen ,das nächste Mal jetzt am 20. März mit [der Schauspielerin] Dagmar Manzel… Ich kannte den Bratschisten Martin Stegner aus gemeinsamen Gypsyswing-Zeiten und Karl Heinz Steffens, der damals als Klarinettist Mitglied der Philharmoniker war. Und Martin Stegner kam dann auf die Idee, "Bolero Berlin" zu gründen,  und zwar mit Manfred Preis an der Klarinette.2008 kam unsere erste CD heraus, eine Studioproduktion, und 2009 kam eine Live-CD dazu.

agas: Und wie war das Arbeiten mit den Berlinern?

H.N.: Das geht bei den Proben immer ganz locker und entspannt zu… Topo Goya, der Percussionspieler, hat immer gute Ideen, wenn wir uns ein Stück erarbeiten, genau so wie der Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker, Raphael Haeger, der bei "Bolero" Piano spielt.Unser "Caravan" habe ich arrangiert und auch andere Stücke. Und dadurch bin ich jetzt ja auch häufiger in Berlin. Wir haben in Österreich gespielt, in der Alten Oper im Frankfurt [Main], bei Jazz Open in Stuttgart, das heißt, wir treten hauptsächlich auf Festivals auf… Aber auch die Lesungen mit Musik gibt's noch, wie gesagt im März wieder. Das Thema wird das Berlin der zwanziger Jahre sein, der Philharmonische Salon. Und einmal jedes Jahr sind wir im Kammermusiksaal..

agas: 2005 hast du auch für das und mit dem Regensburger Theater und dem Kindertheater gearbeitet. Wie kam es dazu? In deiner Homepage steht ja allerlei über diese Arbeit.

H.N.: Der Intendant kannte meinen Namen, und er bat mich dann, Musik zu Shakespeare zu schreiben, so dass ich dann sogar Songs mit Shakespeare-Texten geschrieben habe. Wir sind ein Quintett, und jedes Jahr gibt es eine Kinderproduktion. Die letzte war das "Jazzkäppi"; die ganze Story samt Text ist von mir. Lesen tut diese Texte immer einer der Schauspieler des Theaters. Der Herr Gutmann spielt Jazz. Dann ist Herr Gutmann eines Tages weg, nur sein Käppi ist noch da, und dann geht's eben darum, wer das Käppi tragen darf. Das jazzt wie der Teufel [lacht]. Jetzt hab' ich wieder einen neuen Kompositionsauftrag vom Theater Regensburg, "Der Sturm" von Shakespeare soll Bühnenmusik und Songs bekommen; und am 16. April ist Premiere.

agas: Und du unterrichtest ja auch, und zwar schon seit 20 Jahren –

H.N.: - ja, an der Städtischen Sing- und Musikschule Regensburg. Das ist immer noch die Schule, an der ich damals anfangen konnte, weshalb ich von München nach Regensburg umgezogen bin. Und das ist nicht 20, sondern 30 Jahre her [lacht].  Da bin ich zwei Tage pro Woche.

agas: 2007 bekamst du dann ja gemeinsam mit Helmut Kagerer den Archtop Germany Award, genauer: aus Anlass des zwanzigjährigen Bestehens Eures Duos. Es gibt aber noch eine stattliche Zahl anderer Vorlieben, etwa das "Tangojazztrio", das seit mehr als fünf Jahren existiert –

H.N.: - auch ein sehr schönes Projekt mit Norbert Gabla am Bandoneon… -

agas: - und Stummfilme, das heißt: deren Vertonung

H.N.: Ja, das stimmt. Die Musik zu Stummfilmen zu machen, ist wirklich ein großes Steckenpferd . Und "Underworld" von Josef von Sternberg war mein erster Stummfilm-Krimi, so ungefähr in der Art des film noir. Die Besetzungen, in denen wir das machen, variieren; ich schreibe die Soundtracks, und das mache ich seit 1995 und immer für die Erlanger Stummfilmtage. Mein erster Film überhaupt war "Our Hospitality" von und mit Buster Keaton. Das war unglaublich viel Arbeit. Schließlich muss die Musik auch zu den Slapstick-Szenen passen, eins zu eins,  und dann kann eine solche Szene schon mal einen ganzen Tag dauern…

agas: 21 Platten allein zwischen 1984 und 2008 – lässt sich da überhaupt noch etwas in deiner gesamten Arbeit wie ein "roter Faden" erkennen, eine Linie, eine Entwicklung? Allein 2008 kamen ja schon vier oder fünf neue CDs heraus…

H.N.: Du meinst all die verschiedenen Strömungen und Stile und was die zusammen hält… Ich würde sagen: das Arrangieren mit Freiräumen für die Improvisation. Aber es wird auch kein Vehikel zum ewigen Jammen gemacht. Ich stehe auf Form und Freiraum. Und natürlich ist und bleibt der "rote Faden" die Jazzgitarre.

 

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