“Man lebt schließlich davon”: Manfred Dierkes

 

Nichts für Tante Trude

 

Mach' doch was von Parker", riet Peter Finger ihm anno 1998, "damit es  nicht heißt: 'Das ist ja ein zweiter Martin Taylor". Wie es denn mit so was wie "Donna Lee" wäre? Mit "Billy's Bounce"? Nach kurzem Schock aber findet unser Mann in "Prenzlberg" das Ansinnen "nur fair". Und überhaupt: Wer Peter Finger kennt, den Osnabrücker Meistergitarristen und Vater des außerordentlich output-freudigen Labels Acoustic Music Records, der weiß natürlich auch, dass Peter die kommerzielle Denke gar nicht so richtig im Vorderhirn hat, wohl aber so viel Klugheit, das Programm für des Wahl-Berliners Debüt-Album noch ein bisschen mehr in Richtung Hörerfreundlichkeit zu steuern. Schließlich ist das, worum es geht, alles andere als eine Allerwelts-Gitarrenmusike, Weiß Gott. Und klar ist auch, dass es hier um Profis geht und nicht um Spaßgitarreros. Man lebt schließlich davon.

Mehr als ein Jahr schuftet unser Gitarrist in Berlin an der Herausforderung, dann stehen die Birds; und noch bevor sich das Millennium rundet, ist das erste Soloalbum draußen und nicht nur Peter Fingers Label, sondern ein ganzes Stück anspruchsvollerer Jazz- und Gitarren-Hörerwelt um einen veritablen Goldschatz reicher.

Nein, bewahre: Ein zweiter Martin Taylor war er nie und wird er nie. Seine Bässe marschieren anders als die des virtuosesten "guitarists' guitarist" aus Britannien. Sein ganzes Musik-, Jazz- und Gitarren-Verständnis ist so überaus eigen und wahrhaft – seltsam unpassendes Wort hier – "sensationell", dass es allerhöchste Zeit wird, besagte Welt auf ebendiese Tatsache nachdrücklichst hinzuweisen: dass also Manfred Dierkes mutterseelenallein mit seinen neun bis zehn Fingern pures Gold zu produzieren versteht - das Gold, das man Fingerstyle Jazz nennt und das so gut wie nichts mehr zu tun hat mit den Altvorderen vom Schlage Charlie Byrd & Co. Was "Manne" zaubert, ist das wahrhaft "orchestrale" Spiel, nach dem so viele Gitarristen sich ihre lebelang verzehren. Und dabei ist es ein Spiel, das mit der Spielweise eines, sagen wir, Laurindo Almeida nur noch den klassischen oder klassiknahen Ansatz gemein hat. Wo nämlich Almeida die Segovia et al in den Jazz hinein zu zupfen gedachte, tanzt bei Manfred Dierkes die Big Band auf dem Griffbrett.

Wirklich: Dieser stets ansteckend optimistisch ins Leben hineinschauende, erfrischend unkomplizierte, unkapriziöse und völlig uneitle Zeitgenosse swingt wie weiland Freddie Greene, vereint Jo Jones und Walter Page im Keller seiner tiefen Saiten, setzt auf den mittleren perfekt im Aussparen unwichtiger Töne die Harmonien und obendrauf auch noch die Linien seiner Solo-"Bläser". Basie und Neal Hefti ante portas, nun aber wirklich und nicht mehr, wie bei Barney Kessel, durch "syntaktische" Wechsel von Singlelines und aufgebrochenem Akkord oder wie bei manchen anderen vom Folk herkommenden Zupfgeigern durch Bumm-tschik-Bass und notgedrungen synkopiert dazwischengequetschte Melodie-Passagen. Nix da: Was hier abläuft, läuft wirklich so nur hier ab. Manfred Dierkes, der gerade eben mit seiner Nachfolge-CD "Caldera" bewiesen hat, dass er auch im Trio formidabel spielt und sein Trio – mit Mario Würzebesser, Drums, und Michael Waterstradt, Bass - auch als Trio versteht: als Miteinander und nicht ödes Die-für-mich – dieser Manfred Dierkes, ein unkorrumpierbarer Langstreckenläufer in Sachen Jazzgitarre, ist halt ein Sonderfall. Und das nicht nur, weil er der einzig (mir) bekannte Jazzgitarrist mit abgeschlossenem Studium der Betriebswirtschaft ist.

Aber er ist ein Ökonom, der schon während des Studiums keine Chance auslässt, 'rauszugehen und Jazz zu spielen, ein Pragmatiker durch und durch. Seit seinem zwölften Lebensjahr geht das so. Damals hat er angefangen, auf der Gitarre des Bruders herumzuklimpern. Der Bruder studiert bereits und ist deshalb immer noch an den Wochenenden zu Hause, so dass Manne unter der Woche in aller Ungestörtheit der neuen Leidenschaft frönen kann. Und dann, an den Wochenenden, nehmen die Geschwister auf Kassetten auf, was der kleine Bruder in der Woche gelernt und umgesetzt hat. "Gar nicht mal so schlecht" sei das, meint er, und erstaunlich viele eigene Stücke seien auch schon darunter gewesen. Das sei ja auch so was wie des überzeugten Autodidakten Lebensmotto: "Eigenkontrolle statt Lehrerkontrolle."

Der Teen verschlingt Peter Burschs gesammelte. Und entdeckt dabei die Reize des Folkspiels – die "roots" seiner Fingertechnik, Lämmerhirt, Kolbe, Illenberger, Stockfisch, all das. Und dann betört ihn der Bossa, und drauf gestoßen haben ihn nicht etwa Byrd und Getz oder Almeida und Shank, sondern ein gewisser Jack Marshall, den hier kaum wer kennt, und wenn, dann durch seine Multigitarren- und Overdub-Geschichten etwa für das legendäre Album "The Four Freshmen & Five Guitars". Jedenfalls gibt's von Marshall ein kleines Büchlein, da stehen alle gängigen Bossa-Hits drin, und die saugt Manne auf wie ein Schwamm. Beim Jazzfestival Balwer Höhle sitzt er noch als Zuhörer – die Hörner sind gewetzt.

1988 Berlin, zuerst des Studiums wegen. "Da gab es eine hochintensive Session-Szene damals, die es so längst nicht mehr gibt. Da herrschte ein Denken ganz ohne Schubladen. Das ist heute nicht mehr ganz so." Er erzählt, wie er in einem winzigen Jazzladen an der Kurfürstenstraße im Tiergarten Muff Potter kennen- und schätzen lernt, einen Ex-Gitarrero, der meinte, aus Nachfragegründen auf Bass umsatteln zu müssen, was er denn auch mit Erfolg getan hat. Manfred jazzt, wo und mit wem er nur kann. Einen Saxofonisten gab's da, der zwar nicht der King der Kanne war, aber jede Menge Jobs an Land zog. Das sei eine ganz schön harte Schule gewesen, meint er: "Du musstest pro Monat zwanzig Stücke neu drauf haben, zwanzig pro Monat!" Was ihm gleichwohl nichts ausmacht: "Ich war immer ein begeisterter Lehrbücher-Leser",. Er kniet sich enorm rein, lernt, ackert sich zum perfekten Notisten hoch; und den Ehrgeiz, die Plackerei, die merkt man ihm kein Deut an. Ach ja, und die goldene Regel für den Chorus hat er sich auch schon damals selbstgezimmert. "Ganz einfach: Spiel' dein Solo besser als der Saxofonist." Was er auch machte. Und worauf er, logisch, ein paar Wochen später aus der Band 'rausfliegt.

Musikschul-Bigbands, sagt er, gab es viele in der Stadt, und er erinnert sich besonders an Kreuzberg: "Das war da sehr aktiv". Er auch: "Spielen, spielen, spielen!" Eine bessere Schule als Bigbands, gerade auch für einen Gitarristen, kann es eigentlich nicht geben. Aber ist er damit durch, spielt aber auch heute noch oft und gerne in Bigbands: "Da sind 15 tolle Kollegen beieinander. Das ist wie bei den Rotariern."

"Dann gab es sehr viel in kleineren Besetzungen." Und er arbeitet akribisch und absolut geradlinig und immer wieder neue Schwerstetappen meisternd an seinem Fingerstyle – der Betriebswirt als Systematiker, so sieht er sich selber durchaus, als einen Mann, der das strukturierte Denken eben gelernt hat. Das braucht man, zum  Beispiel fürs Tremolo mit drei Fingern, dem Graubrot der Klassiker, an dem sich aber jeder durchschnittlich begabte Jazzer die Zähne bis zum Totalfrust ausbeißt.

1993/94 spielt er dann unter anderem mit Ginger Khan, einer kanadischen Sängerin, die gerade in Berlin lebt. Eine wunderbare Platte haben sie davon gemacht, damals, '94, "But Beautiful" heißt die treffend, ist aber leider bis heute nicht erschienen. Und obwohl Manfred absolut kein nostalgischer Stehenbleiber ist: "But Beautiful" findet er heute noch so gut, dass man daraus wirklich eine CD für den Handel machen könnte. Who knows...

Sich mit ihm zu unterhalten, ist ein Happening, das man im Falle eines jeden Anderen als Ego-Trip abtun würde. Aber wenn Manne extra aus Berlin kommt für drei, vier Stündchen, samt zwei Gitarren (einer Jazzgitarre von Stefan Hahl und einer hellen, erstaunlich lauten Konzertgitarre von Oskar Graf) und allem Drum-und-Dran, dann wird das zum Erlebnis - eine Mischung aus biografischen Updates, aus Unterrichtsstündchen über seine "Kreuz- und Anker"-Lehre, aus der, bescheidener Titel, schon recht bald eine komplette und faszinierende, weil frappierend klare und verständliche "Einführung in die Fingerstyle-Jazzguitar" und dann hoffentlich schnell ein Buch werden wird. Er kann erklären, weil er die Dinge autodidaktisch gründlich erst mal sich selber klar gemacht hat. Er nimmt die Gitarre zu Hilfe, weil sie das Gesagte illustriert, nein: konkretisiert. Er macht keine Show; er spielt dir was vor, weil er sein Instrument liebt wie verrückt. Er erzählt dir, wie er den kleinen Finger seiner rechten Hand emanzipiert hat, nachdem er bei Kiepert auf dem Grabbeltisch ein in Holland gedrucktes Fünf-Mark-Büchlein entdeckt hat, Leonhard Becks "Der Fünf-Finger-Anschlag". Er erzählt von den Problemen der Berliner Klugszene heute, vom Überangebot dort und von der Schwierigkeit, da zu (über-)leben, wenn Hilfen zum Durchbruch ausgerechnet auf Seiten der Klubs und der Sender fehlen. Dass er, der begeisterte Hobby-Koch, nicht mehr so viel in Restaurants spielt wie noch zu Zeiten vor der Solo-CD.

Er fegt mit allen verfügbaren Fingern übers Griffbrett, erklärt auf die Frage, wie er Stücke schreibt, dass das auf im Prinzip auf dreierlei Weise funktionieren kann und eigentlich immer wieder eine Art minimalistischen Ansatz hat, der dann systematisch aufgelöst wird, ein simpler Dreiklang, so was. Er erläutert und illustriert das mit Live- Zitaten aus seinen beiden Alben. Er erzählt dir von der Graf-Gitarre, die Norbert Wolf bearbeitet hat. Jetzt hat sie eine "NoWoMensur", wie das heißt, mit kompensiertem Sattel und Steg. Wolf, ehemals bei musima in Marktneukirchen, ist ein Tüftler, dem die natürlichen Intonationsschwächen der Gitarre auf den Geist gingen. Darüber hat er auch was geschrieben. Manne hat es mitgebracht. Vielleicht könne man daraus ja auch mal was machen. Ja, ja, was für Experten.

Er erwähnt das Studium, immer mal wieder, die "Fähigkeit zu gliedern", die man fürs Lernen ebenso braucht wie fürs Spielen, für so ein Buch ebenso haben muss wie bei seinem spezifischen Umgang mit der Gitarre. Und mit dieser Strenge wider sich selbst lernt er dann auch noch die künstlichen Flageoletts bis zum i-Tüpfelchen, nicht mal hier ein Kling! oder dort ein Ping", sondern in ganzen, auch noch lagenweise oft sehr rasch verschobenen Akkorden. "Klar, Tal Farlow konnte das wegen seiner riesigen Hände." Er erzählt von Neal Heftis Superchords. Erzählt, wie er – jüngster Akt im Drama seiner autodidaktischen Erkenntnisse und Selbstkasteiungen – entdeckt hat, dass und wie man nicht nur mit dem alltäglichen Daumen, sondern auch den anderen Fingern Downstrokes spielen kann. Es geht. Es geht alles, du musst nur wollen. Du musst "gliedern" können. Wörter wie "Ehrgeiz" oder "Fleiß" oder "Arbeit" gehören gar nicht in seine Nomenklatur. Er macht das, weil er muss. Und er muss, weil er die Musik, den Jazz, die Gitarre liebt. Er selbst nennt sich, "na klar", einen "optimistischen Menschen". Und mit seiner Art macht er den Leuten ihr Herz auf, weil er ein Typ zum Anfassen ist, immer noch irgendwie der goldige Junge von nebenan. Sehen so, lachen so, duzen so wirkliche Künstler? Wenn du spielst, dann muss das immer aussehen, als wär's kinderleicht, sagt er. Aber das ist ja wohl sowieso ein Kennzeichen echter Meisterschaft: Dass alles so leicht, so einfach aussieht. "Musik", sagt er dir, "muss beim Spielen empfunden werden. Musik ist kein Job, auch wenn man davon lebt." Musik muss kommunizieren. Oft taucht die sprichwörtliche "Tante Trude aus Buxtehude" auf in seiner Rede: die beim richtig platzierten Akkord überhaupt nicht merkt, dass das ein "komplizierter Sieben-neun-Kreuz-und-an-der-Tankstelle-rechts--Akkord" ist. Dass ein Akkord da oder dort hinkommt, weil er dort hin muss. Und er stemmt sich wortreich und witzig gegen die intellektuellen Arroganzler im Jazz, die sich für die Größten und ihr Publikum für ihrer nahezu unwürdig halten.

Er erzählt, dass er auf dem Ralph-Towner-Trip ist ("äußerst spannend"). Und Jim Hall als Lehrer extrem hoch einschätzt. Und sehr beeindruckt ist von den Bartók-Adaptionen Sandor Szabos, des selben Sandor Szabo, der die Aufnahmeleitung für seine Debüt-CD hatte. Und dass er im Herbst letzten Jahre bei der "Guitar Night" dabei war. Das macht Peter Finger regelmäßig. Der reist durchs Land mit Gitarristen seines Labels, "30 Termine" und diesmal eben mit Dierkes, Ian Melrose und Duck Baker. Und dass er, Manfred, sich amüsiert hat über Ians Bässe. Was Wunder: Die Folkies haben ja auch keine Betriebswirtschaft studiert. Oder so. Abwerten tut er nichts. Voller Respekt auch spricht er von den anderen Berliner Jazzmusikern, auch von den Gitarrist(in)en, Schippa, Crobu, Snétberger und und und...

Der joviale, nonchalante, pflegeleichte Manfred Dierkes – in Wahrheit ist das ein Einzelgänger, der die Dornen des Lebens und Lernens ohne jedes Aufhebens, dafür aber mit jeder Menge Selbstdisziplin aus dem Weg räumt. Und noch ganz beiläufig und fast schon im Gehen erzählt er dir von seinem Lehrauftrag an der Ost-Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler". Um die Sache geht's. Die Leidenschaft. Und die Lust zu kommunizieren.

Ach, ja: Dass die nächste CD aller Voraussicht nach wieder ein Solo- Unternehmen wird, lässt er auch noch durchblicken. Vielleicht, man ahnt es, ohne Parker, aber dafür mit anderen kommunikationsfördernden Herausforderungen. Und lasst uns außerdem vermuten: technisch wieder mehrere Schritte weiter und, vielleicht ja auch, noch ein Prischen kompromissloser.

 


 

 

Diskografie:

"It's about time" – Manfred Dierkes, Sologitarre, Acoustic Music Records 319.1176.2

"Caldera" – Manfred Dierkes Trio, Acoustic Music Records 319.1284

 

 

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