Von Bukarest nach Schweden: Andres Böhmers schwedische Reminiszenzen

 

Zeichner mit feinem Strich

 

Seine Stücke haben lauter eigene Namen, nichts von "anon." oder "trad" oder "Volkslied" oder ähnlichem. Stattdessen heißen sie merkwürdigerweise "Haare vom Hüegel" oder "Wintertroll", "Tanz um den Eisbecher" oder "Hinunter ist der Sonnenschein", oder sie heißen ganz und gar unmerkwürdig "Schwedische Impressionen 1", "2" und "3".

 

Wir sind ein ganz schönes Stück weit weg von Bukarest, wohin 2007 sein Flugzeug flog, sein "Plane to Bukarest" [s. hier], in dem er mitsamt seinem Quartet saß und ein Debüt vorlegte, das zu leisem Jubel Anlass bot - leisem, weil zu Andres Böhmer lautes Gejohle eher nicht passt. Das hat er gemeinsam mit Sven Goetz und dessen "Swedish Reflection" [s. hier]. Bei beiden liegt's nicht am Thema, sondern an ihnen, in ihnen selbst.

 

Andres, Berliner und Filius eines Kirchenkantors, der als Siebenjähriger Klavierunterricht hatte und also die Gitarre erst ein ganzes Stück später für sich entdeckte, ist Musiker und Komponist mit subtilem Sensorium und, so erzählt uns das seine Musik, mit feinem Sti und eher introvertiertem Gemüt, das ihn streng abwägen lässt, ob eine auch instrumentale Äußerung alle seine Prüfungen bestehen könnte, um schließlich publiziert zu werden. Seit 1993 ist er in Jena zu Hause. Von 1996 bis 2001 hat er in Leipzig Jazzgitarre studiert. Und vor alledem, 1991, hatte es ihn für gute zwei Jahre hinauf nach Schweden gezogen, nach Uppsala. Wir wissen nicht, ob dieser nordwärtige Zug sich schon früher in seinem Stammbaum fand; vielleicht zog es ihn dort einfach hinauf, weil er dort auch so etwas vermutet hatte wie ein Zuhause und, wenn auch auf Zeit, gefunden hat. Und da wird es schon wesensmäßige Gemeinsamkeiten geben, diese gewisse Introvertiertheit, auch eine gewisse Melancholie ebenso wie außerhalb der Seele die Klarheit der Luft und des Lichts, die Landschaft, den Schnee, das Eis, all das, vielleicht sogar das Nordlicht...

 

Im Spätsommer 2007 jedenfalls stand es hier in agas zu lesen: "Man sollte das Andres Böhmer Quartett im Auge und im Ohr behalten. Nach diesem Debüt darf man sich noch auf allerlei interessante und schöne Überraschungen erhoffen."

 

Stimmt genau. Jetzt hat der Wahl-Jenaer, dem der Jazz geholfen hat, Folkloren zu entdecken, mit "Schwedische Impressionen" [AO-NRW NRW 3078] ein Album vorgelegt, das den Eindruck vom begabten, feingliedrigen, feinnervigen Klangmaler noch präzisieren lässt: Es ist das Album eines gitarristischen Landschaftsmalers und/oder -poeten, dem die Uppsala-Zeit offenbar bis in die kleinste Wendung hinein vorgegeben hat, was er mit heim nach Deutschland nehmen und zu eigener Musik verarbeiten würde.

 

Wer befürchtet, sich zum Hören der "Schwedischen Impressionen" Norweger-Pullover und gepolsterte Stiefel anziehen zu müssen, wird von solchen Besorgnissen schnell wieder erlöst und delektiert sich an einem Musiker, der sich bestens versteht auf Synthesen, die von vornherein verhindern, dass aus solcherart poetischer Landschaftsbeschreibung automatisch Cool Jazz wird. Andres kann in seiner Klang gewordenen folkloristischen Nachbereitung einer mit Sicherheit eindrucksvollen Zeit nämlich all das an Herzenswärme und Landesliebe transportieren, dass von Kühle absolut nicht mehr die Rede sein kann. Und falls die Vermutung stimmt, dass dieser Gitarrist im Grunde seiner Seele introvertiert ist, dann haben wir es in diesen "Impressionen" mit lauter Bildern eines sehr Begabten zu tun, der mit wenigen Punkten, Strichen oder Tupfern wirklich komplette mentale Landschaften erstehen lassen kann, deren Impressionismus allerdings in gezügelter Spielart daher kommt: Eher würde man Andres Böhmer als Zeichner denn als Maler verstehen.

 

Die Reise gen Norden ist im Wesentlichen ein Solo-Trip, auf dem ihn einem treuen Schatten ähnlich der Drummer Jan Roth begleitet, ein dezenter und absolut zuverlässiger Gefährte, der - wie in "Gewittercountry" - auch krasse Wetteränderungen herbeitrommeln kann. In einem Stück, "Lises Schlaflied", ist noch Almut Kühne zu Gast, die mit ihrer etwas spitzen, etwas kleinen, etwas unsicher erscheinenden, aber um so emotionengeladeneren Stimme wie geschaffen scheint für dieses Schlaflied.

 

Ansonsten semantisch seltsame Titel und fast nüchterne Titel. Inhaltlich gehört "Gewittercountry" zu den wenigen Ausnahmefällen dieses 10-Stücke-Programms, in denen Andres sich elektronischer Unwetterhilfen bedient. Die drei Teile seiner titelgebenden "Schwedischen Impressionen" (die Stücke 3, 5 und 8) sind mit dezenten Dubs angereichert: Trios im Duo.

 

Reizt der Gewittersong neben der überraschend schnellen, fast virtuosen Singlenote-Figur im ersten Thementeil vor allem durch die interessanten, fast etwas an Johnny Smith erinnernden Akkorde, so bieten vor allem die beiden letzten Titel, "Wintertroll" und "Hinunter ist der Sonnenschein" die konzentriertesten Eindrücke Böhmerscher Musik. Das ist vor allem sein Interesse an schön verqueren Stimmführungen, die er (so lässt sich vorstellen) in schwedischer Chormusik kennen gelernt hat, notabene in der dortigen Folklore. Dass er "Wintertroll" zum Spektakel hochreizt, das doch ein bisschen so wirkt wie "Hört her, ich kann auch free", sei ihm nachgesehen. Aber die Welt, in der er zu Hause ist, ist das nicht.

 

Was wirklich bleibt, sind sein Klang, der so klar ist wie ein Sonnenmorgen im Schnee und die immer wieder erstaunliche Sensibilität, mit der er sich bis ins Innere schwedischer Volksmusik hineingefühlt hat. Er ist ein kluger Landschaftsmaler, der mit feinem, sparsamen Strich Welten entstehen lässt, die auch vom Hörer ohne einschlägige Erfahrungen als das erkannt werden, was sie sind: zarte, unvergessliche Kunstwerke von großer emotionaler Eindringlichkeit.

 

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